Agrar­öko­lo­gie – Defi­ni­tio­nen, Kon­text und Poten­zia­le

Beitrag vom 25.12.2015

von Peter Claus­ing – ursprüng­lich ver­öf­fent­licht auf globe-spotting.de im Novem­ber 2015 – Vor eini­gen Jah­ren wur­de Agrar­öko­lo­gie als „Wis­sen­schaft, Bewe­gung und Pra­xis“ defi­niert (Wezel et al. 2009). Das bringt zum Aus­druck, dass das Kon­zept weit­aus mehr beinhal­tet als das, was in unse­ren Brei­ten land­läu­fig hin­ter dem Begriff „Bio-…. “ gese­hen wird. Die Bezug­nah­me auf „Bewe­gung“ bedeu­tet aller­dings nicht, dass Agrar­öko­lo­gie auto­ma­tisch mit gesell­schaft­li­chem Umbruch und der Ent­ste­hung einer gerech­te­ren Gesell­schafts­ord­nung gleich­zu­set­zen ist. Doch sicher­lich ist sie ein ‚Tritt­stein’ auf dem Weg dort­hin. Die ‚Schar­nier­funk­ti­on’ der Agrar­öko­lo­gie zwi­schen Natur- und Gesell­schafts­wis­sen­schaft exis­tier­te nicht von Anbe­ginn. Als der Begriff 1928 von dem sowje­ti­schen Agro­no­men B.M. Ben­sin geprägt wur­de, war damit aus­schließ­lich Bio­lo­gi­sches gemeint – das Zusam­men­le­ben von Orga­nis­men auf land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­chen. Auch in der Tra­di­ti­on des Kie­ler Pro­fes­sors Wolf­gang Tisch­ler, der 1965 als ers­ter ein Hand­buch mit dem Titel Agrar­öko­lo­gie ver­öf­fent­lich­te, wird das Gebiet vor­nehm­lich als bio­lo­gi­sches Fach ver­stan­den. Doch die Zei­ten haben sich geän­dert. Fran­cis et al (2003, 100) defi­nier­ten die­se...

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Ein dis­kur­si­ves Hun­ger­ge­spenst

Beitrag vom 1.10.2014

von Peter Claus­ing Nicht sel­ten ruft die Fra­ge, ob und unter wel­chen Bedin­gun­gen die wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung aus­rei­chend ernährt wer­den kann, Rat­lo­sig­keit und Unbe­ha­gen her­vor. Eine nega­ti­ve Ant­wort wür­de den Hun­ger­tod Hun­der­ter Mil­lio­nen Men­schen mit kaum vor­stell­ba­ren gesell­schaft­li­chen Fol­gen bedeu­ten. Schließ­lich sind schon heu­te zir­ka 850 Mil­lio­nen Men­schen unter­ernährt, was bedeu­tet, dass all­jähr­lich etwa 10 Mil­lio­nen Men­schen an Hun­ger oder sei­nen unmit­tel­ba­ren Fol­gen ster­ben. Die Fra­ge, was getan wer­den müss­te, um bei gleich­zei­tig wach­sen­der Welt­be­völ­ke­rung von die­sem Geno­zid weg­zu­kom­men, wird sehr unter­schied­lich beant­wor­tet. Zunächst ist fest­zu­hal­ten, dass ein all­ge­mei­ner Kon­sens dar­über besteht, dass die Welt­be­völ­ke­rung nach 2050 nur noch unwe­sent­lich zuneh­men wird. Zwar wer­den in 35 Jah­ren vor­aus­sicht­lich zwei Mil­li­ar­den (30 Pro­zent) mehr Men­schen auf der Erde leben als heu­te, jedoch bei ste­tig abneh­men­dem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum. Nun ver­tre­ten Welt­bank und Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) die Ansicht, dass dann, wenn 30 Pro­zent mehr Men­schen die Welt bevöl­kern, 70 Pro­zent mehr Nah­rungs­mit­teln zur Ver­fü­gung ste­hen müss­ten. Die Dis­kre­panz zwi­schen den 70 und 30 Pro­zent wird mit...

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Das Stick­stoff-Dilem­ma

Beitrag vom 1.10.2014

Von Peter Claus­ing Im Jahr 1910 lie­ßen sich die BASF ein che­mi­sches Ver­fah­ren zur Ammo­ni­ak­syn­the­se aus Stick­stoff und Was­ser­stoff paten­tie­ren. Das von den spä­te­ren Nobel­preis­trä­gern Fritz Haber und Carl Bosch ent­wi­ckel­te Ver­fah­ren stellt laut Wiki­pe­dia das „bedeu­tends­te indus­tri­el­le Ver­fah­ren zur Umwand­lung des unre­ak­ti­ven Luft­stick­stoffs in eine nutz­ba­re Stick­stoff­ver­bin­dung (dar)“. Dies ist ein ener­gie­in­ten­si­ver Pro­zess, bei dem Tem­pe­ra­tu­ren von 500 Grad Cel­si­us erfor­der­lich sind. Sei­ne ers­te Kon­junk­tur hat­te das Haber-Bosch-Ver­fah­ren im Ers­ten Welt­krieg, als gro­ße Men­gen von Ammo­ni­ak zur Her­stel­lung von Muni­ti­on und Spreng­stoff benö­tigt wur­den. Die Namens­ge­ber des Ver­fah­rens stan­den voll und ganz in deutsch-mili­ta­ris­ti­scher Tra­di­ti­on. Fritz Haber gilt als „Vater des Gas­krie­ges“ im Ers­ten Welt­krieg und der jün­ge­re Carl Bosch war wäh­rend der Nazi­zeit „Wehr­wirt­schafts­füh­rer“, also Spit­zen­funk­tio­när der NS-Kriegs­wirt­schaft. Ähn­lich wie zu ande­ren Anläs­sen – man den­ke an die Atom­in­dus­trie – wur­den nach Kriegs­en­de neue Absatz­märk­ten gesucht. Es begann die Ära des syn­the­ti­schen Dün­gers. Heu­te wird der Mythos gepflegt, dass die Ernäh­rung der Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung von die­sem Dün­ger...

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Inten­siv und inef­fi­zi­ent

Beitrag vom 14.4.2014

Die indus­tri­el­le Land­wirt­schaft ist an den Ver­brauch fos­si­ler Brenn­stof­fe gekop­pelt. Die Ener­gie­bi­lanz ihrer Pro­duk­te ist nega­tiv. Von Peter Claus­ing All­jähr­lich am 17. April hat die glo­ba­le Klein­bau­ern­or­ga­ni­sa­ti­on La Via-Camp­si­na ihren Akti­ons­tag. Die Orga­ni­sa­ti­on sagt, daß Klein­bau­ern ener­gie­ef­fi­zi­en­ter pro­du­zie­ren als Groß­be­trie­be. Seit Jahr­tau­sen­den besteht der Sinn des Acker­baus in der Umwand­lung von Son­nen­en­er­gie in »ess­ba­re«. Das geschieht mit Hil­fe der Pho­to­syn­the­se, deren Effi­zi­enz zwar gering ist, denn jener Anteil der ein­ge­strahl­ten Son­nen­en­er­gie, der in Bio­mas­se umge­wan­delt wird, beträgt weni­ger als zwei Pro­zent. Trotz­dem wird über das Jahr und die Flä­che ver­teilt in Früch­ten und Knol­len genü­gend Ener­gie akku­mu­liert, um die Welt­be­völ­ke­rung zu ver­sor­gen. Die Son­nen­strah­lung steht gra­tis zur Ver­fü­gung. Der Anteil an Ener­gie, der dar­über hin­aus in die Erzeu­gung und Ver­ar­bei­tung von Nah­rung gesteckt wur­de, war für lan­ge Zeit von gerin­ger Bedeu­tung. Die­se Situa­ti­on hat sich in den ver­gan­ge­nen hun­dert Jah­ren dra­ma­tisch geän­dert. Zwar wur­den in den letz­ten Jahr­zehn­ten in vie­len Tei­len der Welt die Hekt­ar­er­trä­ge erheb­lich gestei­gert. Erkauft wur­de die­ser...

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Land Con­trol Grab­bing: Besitz ist gut, Kon­trol­le ist bes­ser

Beitrag vom 20.4.2013

Obwohl Mexi­ko für das klas­si­sche Land Grab­bing ein unty­pi­scher Fall ist, spielt das Phä­no­men eine durch­aus beacht­li­che Rol­le, wenn man den Blick­win­kel erwei­tert und Land Con­trol Grab­bing ein­be­zieht. Bei einer sol­chen Erwei­te­rung des Blick­win­kels wird deut­lich, dass auf die­se Wei­se in Mexi­ko inzwi­schen 30% der land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che durch Drit­te kon­trol­liert wer­den. Nähe­res dazu in einem Bei­trag in der ILA. Umge­kehrt gibt es zag­haf­te Ver­su­che von Regie­run­gen bestimm­ter Län­der, Land Grab­bing durch gesetz­lich Rege­lun­gen bzw. Mora­to­ri­en ein­zu­däm­men. Dar­an knüpft sich die Fra­ge an, ob sich bäu­er­li­ches Wirt­schaf­ten und agrar­öko­lo­gi­sche Metho­den wie die Push-Pull-Tech­no­lo­gie, die im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka 300 Mil­lio­nen Men­schen zugu­te­kom­men könn­te, gegen die mit dem Land­raub ver­bun­de­ne Groß­flä­chen­pro­duk­ti­on behaup­ten kön­nen. Sie­he dazu den Bei­trag in Oeko­lo­gie und Land­bau.

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Wider­stand gegen Land­g­rab­bing in Mali finan­zi­ell rück­kop­peln

Beitrag vom 18.09.2011

Umver­tei­lung prak­tisch ange­hen – bei­spiels­wei­se Flug­rei­sen mit Wider­stand gegen Land­g­rab­bing in Mali finan­zi­ell rück­kop­peln Gast­bei­trag von NoLa­ger Bre­men Die Anfang des Jah­res statt­ge­fun­de­ne Bamako-Dakar-Kara­wa­ne für Bewe­gungs­frei­heit und gerech­te Ent­wick­lung hat nicht nur poli­tisch merk­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen, sie hat auch intern ein­mal mehr deut­lich gemacht, auf wie dün­nem Eis sozia­le Basis­be­we­gun­gen in Mali bzw. West­afri­ka inge­samt wan­deln – sei es, weil die erfor­der­li­chen Res­sour­cen in nahe­zu jed­we­der Hin­sicht feh­len oder sei es, weil sich die Akti­vis­tIn­nen zunächst ein­mal um ihr eige­nes Über­le­ben küm­mern müs­sen. Afri­que-Euro­pe-Inter­act hat daher beschlos­sen, die poli­ti­sche Arbeit der mali­schen Grup­pen unse­res Netz­werks durch eine Spen­den- bzw. Umver­tei­lungs­kam­pa­gne hier­zu­lan­de zu unter­stüt­zen (inklu­si­ve steu­er­li­cher Absetz­bar­keit). Was das genau heißt, kann unse­rem Spen­den­auf­ruf ent­nom­men wer­den (sie­he unten), wobei aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen sei, dass wir uns nicht nur über indi­vi­du­el­le Spen­den freu­en (ob groß oder klein), son­dern auch über Soli-Par­tys, pri­va­te Bin­go-Aben­de oder aber – und hier­um soll es nun­mehr genau­er gehen – die finan­zi­el­le Rück­kop­pe­lung der letz­ten Flug­rei­se mit dem...

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Peak Soil I – Hun­ger nach Land

Beitrag vom 28.03.2011

Hin­ter­grund »Peak Soil« – Boden­zer­stö­rung, Land­raub und Ernäh­rungs­kri­se. Teil I: Wie Kon­zer­ne und Spe­ku­lan­ten von der Ver­knap­pung von Lebens­mit­teln pro­fi­tie­ren Peter Claus­ing »Peak Soil«1 lau­tet der Titel des 2009 erschie­ne­nen Buches des Ber­li­ner Autors Tho­mas Fritz, einer ers­ten umfas­sen­de­ren Über­sicht zum The­ma »Land Grab­bing« (Land­nah­me) in deut­scher Spra­che. Der Begriff »Land Grab­bing« bezieht sich auf den Kauf bzw. die lang­fris­ti­ge Pach­tung gro­ßer Land­flä­chen – vor allem in den Län­dern des Südens, aber auch in Ost­eu­ro­pa – mit oft dras­ti­schen Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­wirk­lich­keit der Bevöl­ke­rung. Die Ansich­ten, ab wann von »gro­ßen Land­flä­chen« zu spre­chen ist, diver­gie­ren. Wäh­rend Oli­vi­er de Schutter, Son­der­be­richt­erstat­ter der Ver­ein­ten Natio­nen für das Recht auf Nah­rung, 1000 Hekt­ar als Unter­gren­ze betrach­tet, defi­nier­te die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (NGO) GRAIN 10000 Hekt­ar als unte­res Limit. Ent­spre­chend der Bedeu­tung die­ses bedroh­li­chen Phä­no­mens ist inzwi­schen eine Rei­he von Publi­ka­tio­nen erschie­nen, und es fan­den zahl­rei­che natio­na­le und inter­na­tio­na­le Tagun­gen zum The­ma statt. »Land Grab­bing, so scheint es, kommt wie ein Tsu­na­mi über die Welt,...

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Zukunft säen – Viel­falt ern­ten

Beitrag vom 27. Dezember 2009

Wir rufen zu einer euro­pa­wei­ten Kam­pa­gne auf: für gen­tech­nik­frei­es Saat­gut, für die Erhal­tung des bäu­er­li­chen Rechts, Samen aus eige­ner Ern­te zu gewin­nen, zu tau­schen und zu ver­mark­ten, für Trans­pa­renz im Saat­gut­be­reich und für lang­fris­ti­ge Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät. Wir weh­ren uns gegen die Mono­po­li­sie­rung des Saat­gu­tes durch trans­na­tio­na­le Kon­zer­ne und eine wei­te­re Ver­schär­fung geis­ti­ger Eigen­tums­rech­te auf Pflan­zen. Weit­ge­hend unbe­ach­tet von der Öffent­lich­keit hat die EU-Kom­mis­si­on 2008 begon­nen, das EU-Saat­gut­ver­kehrs­recht zu über­ar­bei­ten. Die Ände­run­gen sol­len Ende 2010 in Kraft tre­ten. Unter der Bezeich­nung »Bet­ter Regu­la­ti­on« will sie beim Saat­gut­recht Büro­kra­tie abbau­en und die Geset­ze ver­ein­heit­li­chen. Zwölf Richt­li­ni­en regeln bis­her den Saat­gut­ver­kehr in der EU. Jedes Mit­glieds­land setzt sie unter­schied­lich um. Die EU über­trug die Eva­lua­ti­on der der­zei­ti­gen Gesetz­ge­bung pri­va­ten Fir­men unter Lei­tung des Con­sul­ting­bü­ros »Arca­dia«, das bereits mehr­fach für die Gen­tech­nik-Indus­trie tätig war.Nach Inkraft­tre­ten der ers­ten Saat­gut­ver­kehrs- geset­ze in den 1960er Jah­ren hat das inter­na­tio­na­le Busi­ness den Saat­gut­markt ent­deckt. Inzwi­schen kon­trol­lie­ren die zehn füh­ren­den Saat­gut­kon­zer­ne − unter ihnen Bay­er, Mons­an­to, Syn­gen­ta, Lima­grain − 67%...

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